Bei Bauarbeiten im Hof des Grundstückes der Familie Pape am Baalsdorfer Anger 18/20, wurde in der Fassade des Wohnhauses eine Wandöffnung wiederentdeckt. Das Haus, welches ursprünglich zu einem Gebäudeensemble eines Vierseithofes gehörte, stammt aus der 2.Hälfte des 19.Jh., sicherlich auf dem Standort eines Vorgängerbaus errichtet. Zunächst trat in der Fassade ein Entlastungsbogen im Mauersockel zutage. Nach der Teilfreilegung der Öffnung konnte in das Innere des aus Ziegelsteinen gemauerten Raumes gesehen werden. Ein gedrungenes Gewölbe überspannt die ca. 2,0 x 1,0 m große Grube, die bis etwa 0,60 m unterhalb des Gewölbes mit Wasser (Schichten-/Grundwasser) gefüllt ist.

 

Im Gewölbe ist bislang keine erkennbare Öffnung sichtbar geworden, die für die Deutung als Abwassergrube sprechen  könnte. Bis zu einer Tiefe von etwa 1,5 m konnte keine erkennbare Fußbodenbefestigung nachgewiesen werden. Dies müssen spätere Arbeiten erst klären. Es könnte sich ebenso um einen kleinen Lager- oder Kühlraum handeln, der über eine an der Fassade angegliederte Treppe zu begehen war. So ergaben beispielsweise Recherchen zum Grundstück und dessen Nutzung im 20.Jahrhundert, verschiedene interessante Informationen. Seit Anfang des letzten Jahrhunderts (vermutlich 1903) bis etwa in die 1950-er Jahre war das damalige, unter der Adresse Seitenstraße Nr.8 (später Nr.9) bekannte Eigentum eng mit dem Berufstand des Milchhändlers verbunden.

Grundbuchakten zufolge kaufte Ludwig Palm, Milchhändler in Baalsdorf, das Grundstück Seitenstraße Nr.8 im Jahr 1918 von Gustav Linke, einem Kaufmann in Leipzig. Den Milchhandel der Palms gab es jedoch laut Eintrag im Historischen Adressbuch schon mindestens seit 1908 an diesem Ort. Weitere Nachforschungen erbrachten sechs andere Familiennamen, des gleichen Berufsstandes. So waren z.B. im Jahre 1908 die Familien Karl Roßberger in der Leipziger Straße 2, Emil Körner in der Leipziger Straße 15, Hermann Marhold in der Hauptstraße 1, Wilhelm Schneider in der Hauptstraße 2, Albin Schmidt in der Hauptstraße 4, Hermann Werner in der Seitenstraße 5 b und Frau Wilhelmine Altner, als Butterhändlerin in der Tauchaer Straße 1 zu finden.

Milchhändler-um-1900Bis 1920 kamen außer Hermann Marhold, Ludwig Palm, Karl Roßberger und Wilhelm Schneider drei weitere Händler hinzu. Es sind die Witwe Minna Lennert in der Leipziger Straße 3, deren Mann im 1.Weltkrieg gefallen war, Gustav Liebel – Schwiegersohn und Nachfolger des Albin Schmidt in der Hauptstraße 4 und Jacob Wisse – Nachfolger von Gutsbesitzer Gustav Altner in der Leipziger Straße 1. Für unseren kleinen Ort Baalsdorf, mit 350 gezählten Einwohnern im Jahr 1920 ist diese Anzahl von Milchhändlern doch erstaunlich.

Bei ihnen wurde die frische Milch der umliegenden Güter angeliefert oder auch vom Händler selbst abgeholt. Sie wurde an verarbeitende Unternehmen weiterverkauft bzw. zur eigenen Weiterverarbeitung genutzt. So war es keine Seltenheit, dass man Butter, Quark, Käse, Buttermilch etc. auf den genannten Gütern selbst herstellte. Mit der sozialistischen Kollektivierung und den neugegründeten LPG´s in den 1950/60-er Jahren verlor allerdings der Berufsstand des Milchhändlers seine Bedeutung.

Steffen Golde

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